Titel

Pferdegeflüster

Carmen Thomas

Was kann der Mensch dem Pferd flüstern, und was das Pferd dem Menschen? Der Bergische Bote sprach mit vier Top-Trainern aus dem Bergischen, bei denen nicht nur Pferde, sondern auch Manager etwas lernen – über Führung, Kommunikation und sich selbst. Das Motto: Wer führen will, braucht nicht Peitsche und Sporen, sondern Verständnis und Vertrauen.

"Das ist kein Voodoo und auch kein esoterischer Scheiß." ereifert sich Heinz Welz. Was ist es dann? Pferdeflüstern? Managementtraining? Verhaltensforschung? Ja, all das und noch viel mehr. Wer mit Pferden bislang nur Reiten, Sport und Freizeitvergnügen verbindet, mag annehmen, dass die Kommunikation mit dem Pferd naturgemäß von oben herab erfolgt. Gefehlt. Erst, wer sich auf Augenhöhe wagt, beginnt zu lernen: über das Pferd und den Menschen, über die Verwandtschaft beider, über sich selbst und die Welt.

Bernd und Anne Osterhammel, Heinz Welz und Lutz Leckebusch können die Welt mit Pferdeaugen sehen. Was für manchen nach dem angesprochenen „esoterischen Scheiß“ klingen mag, widerlegt zunächst der Erfolg der bekannten Trainer aus dem Bergischen. Von weit her reisen Pferdebesitzer mit ungestümen Jungpferden und Problemfällen an. Von weit her reisen aber auch Manager zu Seminaren an – ganz ohne Pferd und (Pferde-) Verstand. Wenn sie abreisen, dann mit der Erkenntnis in der Satteltasche, dass das Pferd ein besserer Trainer ist als der Mensch und vielleicht sogar der bessere Mensch. Nicht selten sind diese Begegnungen mit dem Pferd für hartgesottene Führungskräfte einschneidende Erlebnisse. Manchmal auch schmerzliche. Wer bislang dachte, er sitze unangefochten auf dem hohen Ross und lenke mit sicherer Hand, den ereilt manchmal brutal die Erkenntnis, dass wohl nicht nur das Pferd, sondern auch seine Mitarbeiter vor ihm flüchten. Bis dahin war er sich sicher: An mir liegt’s nicht.

"Pferde fragen nicht nach dem Auto, mit dem Sie gekommen sind."

Als "gnadenlos ehrlich" bezeichnet Anne Osterhammel das Pferd. Lutz Leckebusch nennt es "unbestechlich". Das erkennen auch die Führungskräfte an. Schon ihr Schulwissen lehrte sie, dass ein Tier nicht zu Gefühlen wie Häme, Missgunst oder Selbstsucht neigt, und dass ihm auch keine Lügen oder Winkelzüge unterstellt werden können. Alles nur Menschensache. Das glaubt der Manager. Mit Recht. "Das Pferd fragt nicht nach der Position oder nach dem Auto, mit dem Sie gekommen sind", sagt Bernd Osterhammel. "Das Pferd will nur wissen: Wer bist du? Hier und jetzt." Und genau darin liegt die unvergleichliche Stärke der Arbeit zwischen Mensch und Pferd. Das Tier spiegelt unmissverständlich und unangreifbar das Verhalten des Menschen wider. Seine Körpersprache, seine Außenwirkung, sein Innenleben.

Im "Roundpen", einem runden, eingezäunten Platz auf dem Leckebusch-Hof in Waldbröl, lässt Heinz Welz sein Quarter Horse "Sensational Future" laufen. "Fuzzy" nennt er den kräftigen Fuchswallach etwas respektlos, aber Fuzzy lässt es durchgehen. Was die beiden nun auf dem Platz zeigen, muss auf Außenstehende ohne (und auch auf viele mit) Pferdekenntnis wie jahrelang trainierte Zirkuskunst aussehen. Fuzzy reagiert auf die leiseste Bewegung, ändert die Gangart, die Richtung, bleibt stehen, geht rückwärts, seitwärts, dreht sich auf der Vor- und Rückhand, gesteuert nur durch die Körpersprache von Heinz Welz und ohne jegliche Berührung. Pure Harmonie und Leichtigkeit. Mensch und Pferd sprechen die gleiche Sprache. "Fünf Wochen", beantwortet Welz die Frage, wie lange "man" brauche, um so weit zu kommen. Alle vier Trainer können das und vermutlich sogar mit jedem Pferd. Alle vier beherrschen das Geheimnis des Pferdeflüsterns, und alle vier sind sicher, dass es gar kein Geheimnis ist.

Ihre Philosophie unterscheidet sich deutlich von der, die in vielen Lehrbüchern geschrieben steht und in vielen Reitställen praktiziert wird. Das Pferd ist unmissverständlich das Wichtigste, und die Hauptdevise lautet: Verständnis und Vertrauen. Im Stall Leckebusch sind daher alle Hilfszügel verboten, jene Riemen, mit denen dem Pferd eine erwünschte Kopfhaltung aufgezwungen wird, die es ohne Hilfszügel nicht bereit ist zu geben. Warum die Zügel dann Hilfs- und nicht Zwangszügel heißen, ist nur eine der vielen Fragen aus dem Pferdesport, den Welz als "einen der letzten Horte der Sklaverei" bezeichnet. Auch Leckebusch kann sich der Kritik an Pferdehaltern, aber auch Trainerkollegen nicht erwehren: "Manchen fehlt einfach die Demut, der Anstand, und es sind alle Maßstäbe verloren gegangen, sich selbst zurückzuhalten."

Worin aber liegt nun das Geheimnis des Pferdeflüsterns? Und wer flüstert hier eigentlich wem etwas? Zunächst: Flüstern allein bringt nicht weit. Letztendlich geht es um Führungsqualitäten. Bernd Osterhammel: "Das Pferd hat ein unglaubliches Gespür für Führung. Es sucht die Sicherheit, und sicher ist es dann, wenn der Beste führt." So, und nur so, hat das Pferd die Jahrtausende in der Wildnis überlebt. Die Eigenschaften, die die Führungskraft mitbringen muss, damit das Pferd ihn als "Besten" erkennt, sind vielfältig, und sie haben nichts zu tun mit Peitsche und Sporen. Es sind Feingefühl, Empathie, Erfahrung, Durchsetzungsvermögen, Timing, Balance. "Horse-Sense" wird das manchmal genannt: Gefühl, Sinn für Pferde. Osterhammel und Welz übersetzen es auch gerne mit "gesundem Menschenverstand".

Es geht darum zu beobachten, Situation und Stimmung einzuschätzen und in der Folge angemessen und vor allem sofort zu reagieren. Das Pferd ist ein Schnellentscheider und Feindbeobachter. Wer zaudert, hat schon verloren – egal, ob es darum geht, Druck zu verstärken oder wegzunehmen. Das Pferd gibt eine unmittelbare Rückmeldung, wie der Mensch auf es wirkt. Bernd Osterhammel: "Man wirkt immer, nur weiß man es oft nicht." Dafür aber das Pferd. Es "liest" Körpersprache. Die liest auch der Mensch. Nach wissenschaftlichen Studien hängt die Wirkung eines Menschen zu 60 Prozent von seiner Körpersprache ab, noch nicht mal zu zehn Prozent vom Inhalt seiner Worte. Nur: Der Mensch weiß das in der Regel nicht mehr. Das Pferd schon.

"Das Pferd sucht die Sicherheit, und sicher ist es dann, wenn der Beste führt."

Was ein Pferd tut, wohin und wie schnell es läuft, ist also immer nur eine Reaktion auf das, was der Mensch gerade getan hat. Jetzt erhält das Spiel mit dem Manager im Roundpen seine Logik: Egal, ob das Pferd vor ihm wegrennt, ob es abrupt die Richtung wechselt, oder ob es überhaupt nicht rennt – es zeigt gnadenlos auf, wie der Mensch und seine Qualitäten als Führungskraft auf es wirken. Beispiel: Der Manager, der am liebsten alles selbst macht und seine Mitarbeiter mit Kritik bedenkt, dass er… und das müsse aufhören… immer alles selbst machen müsse. Um das Pferd zu bewegen, bewegt er sich selbst vor das Pferd und rennt los. Das Pferd rennt im besten Falle gar nicht, im Normalfalle verschreckt in die andere Richtung. Ziel verfehlt, Lektion gelernt: erst die Richtung vorgeben, damit alle mitkommen. Und dafür brauche ich mich nicht einmal besonders schnell zu bewegen.

Ungeschminkt und, so die Menschentrainer, "wie in der Unterhose", steht Mensch dem Pferd gegenüber und lässt sich wie unter einem Röntgengerät durchleuchten. Das Pferd erstellt das Röntgenbild innerhalb von Minuten, und zwar sozusagen "all inclusive": Feedback zu Verhaltensmustern, Autorität, Kooperationsbereitschaft und Einfühlungsvermögen; zusätzlich Anmerkungen über die Fähigkeiten zu beobachten, zu loben, zu motivieren und dem Fazit, wie und wie gut der Mensch führt. "Manchmal schlägt das wie eine Bombe ein", sagt Osterhammel. Dieses Gefühl: Ich bin das, der hier das Pferd "bewegt" – und ich bin das auch in der Firma. Der Manager erlebt und fühlt seine Wirkung im Roundpen mit allen Sinnen. Kein Unternehmensberater, kein Trainer und kein Psychologe kann für sein Urteil mit so hoher Akzeptanz rechnen wie der Menschenflüsterer beim Pferd. Auch nicht alle drei zusammen.

Fuzzy steht inzwischen auf der Weide und der "Bergische Bote" braucht ein Foto. Anne Osterhammel hat ein Einsehen, schwingt sich auf den Rücken des Pferdes und galoppiert ohne Sattel und Zaumzeug die Wiese hinauf und hinab. Kontrolliert, leicht, sicher. Es ist das erste Mal, dass sie auf dem Pferd von Heinz Welz sitzt. Wenn sie erklärt, wie sie ein Pferd vertrauensvoll ausbildet, ist die einfache Lösung beinahe enttäuschend. "Lieb und konsequent", sagt sie. Klingt besonders aus dem Mund der zweifachen Mutter wie aus einem Handbuch zur Kindererziehung vorgelesen. Und es geht auch so weiter: "Man muss immer eine Lösung anbieten und augenblicklich Druck nachlassen, wenn das Pferd nachgibt." Nur verlangen, was möglich ist, Schritt für Schritt Vertrauen und Verständnis aufbauen, die Reaktion des Pferdes beobachten, sie deuten und reagieren. Ein Wechselspiel der Gefühle.

Anne Osterhammel glaubt wie ihr Vater und die beiden Kollegen fest daran, dass kein Pferd bösartig geboren wird. Bösartig werde es nur durch den Menschen. Ihre Erfahrung ist, dass Pferde "eifrig und gerne mitarbeiten". Auch das lässt sich mit der Tierverhaltenslehre recht leicht untermauern. Pferde sind Herdentiere und von Natur aus folgsam. Das war immer so und wird immer so bleiben. Neu vielleicht nur der Aspekt, dass sich das Pferd dem Menschen gegenüber genauso verhält wie gegenüber jedem tierischen Herdenmitglied auch: es sucht Überlebenssicherheit und Sozialkontakt. Traut das Pferd dem Menschen zu, ihm dies zu bieten, wird es ihn als Leittier akzeptieren. Es wird sich freiwillig anschließen, weil es sich in Sicherheit wähnt.

Lutz Leckebusch, der den Ruf hat, mit den schwierigsten Pferden klarzukommen, mit Pferden, die Schmerzen und Todesangst gespürt haben, weiß, dass ein Leittier seine Rolle nicht ausnutzt: "Leistung und Druck haben ihre Grenzen. Manche Sachen gehen halt nicht." Sein Motto heißt daher: Stärken fördern und nicht im wahrsten Sinne des Wortes auf Schwächen herumreiten. Das steht bereits in diversen Fachbüchern. Allerdings nicht in denen über Pferde, sondern in denen über Kindererziehung und Mitarbeiterführung. Pferdeflüstern ist nichts wirklich anderes.

"Pferde sollen eigene Persönlichkeiten haben", ergänzt Leckebusch noch. Und Anne Osterhammel bemüht den Baum als Symbol: "Wurzeln geben ist die Basis, aber dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Krone zu bilden. Es gibt nicht den einen Weg." Persönlichkeit achten, die eigenen und fremden Stärken und Schwächen herausfinden und ein individuelles Gespür für den Umgang damit entwickeln. Pferd wie Mensch werden das Fordern akzeptieren, wenn sie verstehen, was sie tun sollen und dazu in der Lage sind. So einfach ist das.

Kein Voodoo. Kein Zirkus. Kein Zauber.

Doch, Zauber hat die Sache schon. Wer sich auf das Pferd als Seismograph einlässt, wird irgendwann bezaubert feststellen, dass es nicht allein die Bewegungen sind, die das Pferd am Menschen wahrnimmt. "Ihre Subtilität ist unübertroffen", sagt Heinz Welz. Allzu oft haben die beiden Managementtrainer dies in ihren Seminaren erlebt. "Manchmal war das geradezu erschütternd", sagt Osterhammel. Führungskräfte kommen, um Pferde zu bewegen, und enden tränenüberströmt den Pferdehals umarmend. Nicht weil das Führen zum Verzweifeln gewesen wäre, sondern weil das Pferd aus dem Menschen das herausgeholt hat, was ihn wirklich bewegt. "Oft geht es gar nicht um Probleme beim Führen der Mitarbeiter", sagt Welz, "sondern um etwas ganz anderes jenseits der Berufsrolle."

"Feinstwahrnehmung" nennt er es und erzählt eine weitere Geschichte aus einem Seminar: Bei einem Manager klang durch, dass sein "Problem" nicht in seinem Job, sondern bei seinem behinderten Sohn läge, dessen Schädeldecke zu früh zusammengewachsen sei. Während er seine Geschichte erzählte, trat das Pferd, das zuvor noch frei in der Halle gelaufen war, hinter ihn und fuhr ihm mit den Nüstern immer wieder über den Scheitel. "Es war ein sonst scheues Pferd", sagt Heinz Welz. "Das war bewegend, berührend, das war Gänsehautgefühl."

Solche Geschichten kommen in den Regelbüchern der Reitorganisationen nicht vor. Höchstens bei "Black Beauty", und das ist nur ein Film. Manche werden die Geschichten belächeln, es als Unfug oder schlicht Zufall deuten, dass das Pferd den Menschen besser kennen könnte als umgekehrt. Sie werden weiterhin ihre Hilfszügel ins Pferdemaul schnallen und weiterhin ihre Mitarbeiter mit "Management by"-Techniken führen. Ging ja bisher auch.

Die Trainer, die jetzt gemütlich am großen Eichentisch im Reiterstübchen sitzen, halten dennoch den erhobenen Zeigefinger zurück. "Ich war früher ein Pferdeschinder", urteilt Welz über vergangene Zeiten. "Und ich dachte immer, ich bringe den Pferden etwas bei", ergänzt Osterhammel, "heute wüsste ich ohne sie gar nicht, wer ich bin." Mensch und Pferd scheinen sich hier im Laufe der Jahre gegenseitig zugeflüstert zu haben – ein stetes Geben und Nehmen, ein Wechselspiel mit Verständnis und Respekt.

Aufdrängen wollen die Vier ihr Wissen niemandem, aber sie wollen Bewusstsein wecken für das, was möglich ist. Bewusstsein, dass das Pferd ein Spiegel des eigenen Gefühls ist, in den es zu blicken lohnt. Nicht nur, um mehr über sich selbst zu erfahren, sondern auch, um Gefühle wie Angst, Zorn oder Wut nicht auf Zunge oder Flanke des Tieres landen zu lassen. Wer die Chance ergreift, jemandem zuzusehen, der mit dem Pferd tanzt, wird den Erfolg der Pferdeflüsterer nicht wegdiskutieren können. Und vielleicht ergreift er dann die nächste Chance, steigt – ob Reiter oder Nichtreiter - vom hohen Ross herab auf Augenhöhe und wagt einen neuen Blick: auf die Pferde, die Menschen, sich selbst und die Welt.

Text: Karin Grunewald, Fotos: Paul Kalkbrenner

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