Story
Sich Zeit nehmen

Jugendliche mit Behinderung haben ihre eigenen Talente und ihren eigenen Rhythmus. Wer sich darauf einlässt, wird reichlich belohnt. Die Hausordnung hat es Felix angetan. "Pünktlichkeit, Genauigkeit, Ordnung, Sauberkeit" weist sie an. Während deren "Herausgeber" Mario Fritzen das einst in seiner Backstube in einem Anflug von Ärger aufgehängte Blatt längst vergessen hat, kann sich Felix nicht satt denken an den Anweisungen.
Ständig schaut er darauf und lächelt. Überhaupt lächelt Felix viel. Felix fragt auch viel und seinen Augen entgeht wenig. Felix ist Autist. Er hat ein fotografisches Gedächtnis und kann sich in Minimalzeit Inhalte aneignen, die über eine Hausordnung weit hinausgehen. Für den simplen Alltag braucht Felix jedoch Unterstützung.
Felix Gompert ist 19 Jahre alt und lebt auf dem "Meierhof" in Kürten, der von der "Guten Hand" betrieben wird. Dort werden Jugendliche mit unterschiedlichsten Handicaps und Schwierigkeiten auf einen Beruf vorbereitet oder ausgebildet. Hauswirtschaft, Pferdepflege und ab Herbst auch Garten- und Landschaftsbau. Während vier der Jugendlichen, die an diesem Tag in der "Kürtener Landbäckerei" von Mario Fritzen Brot backen dürfen, ihre Nasen in den Gärschrank stecken, erklärt Hauswirtschaftsmeisterin Petra Schulz die speziellen Herausforderungen, die ihre Schützlinge an sie und an zukünftige Arbeitgeber stellen: "Ihre Arbeitsstrukturen sind langsamer, die Konzentrationsfähigkeit niedriger. Sie brauchen viele Pausen, brauchen individuelle Hilfe."
In der Backstube ist davon nichts zu merken. Von gelangweilter Coolness, die diese Altersstufe bisweilen auszeichnet, findet sich bei den Meierhof-Bewohnern keine Spur. Sie hören zu, sind aufmerksam, lassen sich einweisen in die Geheimnisse des Brotes und seiner Zutaten. Die alte Teigmaschine rührt, rattert und stockt. Felix lächelt wieder schelmisch, schaut auf die Hausordnung. "Genauigkeit" pickt er sich heraus und fällt sein Urteil: "Teigmaschine abgemahnt." Mario Fritzen lächelt auch. "Es macht Spaß", sagt er und meint nicht nur den Spaß, sein Handwerk vermitteln zu können, sondern auch die Besonderheiten seiner heutigen Gäste. Häufig hat er Kindergartengruppen zu Gast. Auch die fragen ihm Löcher in den Bauch, aber sie können noch keine Hausordnung lesen und mahnen keine Teigmaschine ab.
Mit mehlbestäubten Händen und Sweatshirts schieben die Jugendlichen ihre individuell gestalteten Brote in den Ofen und plötzlich ist nichts mehr zu tun. "Was jetzt?", fragt Fritzen. "Aufräumen", vermutet Felix und kann gleich damit beginnen. Währenddessen erzählt er von seiner Ausbildung als Hauswirtschaftshelfer und von seiner Sorge, bei der Prüfung vor der IHK "einen schlechten Tag" zu erwischen. Bislang hat er jedoch nur Einsen und Zweien geschrieben. Felix kennt die Bäckerei, denn jeden Donnerstag ruft er dort an, um die Bestellung für die Woche aufzugeben. Das Wichtige gibt er zuverlässig weiter: wie viel von was und für wann. Was für ihn selbstverständlich ist, lässt er schon mal weg, nämlich wie er heißt und für wen die Bestellung ist. Dass er nun am anderen Ende der Leitung steht, scheint ihn zu faszinieren, und er will unbedingt wissen, mit welchem Klingelton sich sein wöchentlicher Anruf ankündigt.
"Felix ist Autist. Mit seinem fotografischen Gedächtnis schafft er sich Überblick."
Gut Brot will Weile haben, und als alles wieder sauber blinkt, bleibt Zeit, sich in der Backstube des 300 Jahre alten Gemäuers umzuschauen und Fragen zu stellen. Über Fehlerpotenzial beim Brotbacken, über die Arbeitszeiten des Bäckers und seinen Urlaub. Mario Fritzen gibt gern und anschaulich Auskunft. Etwa darüber, dass Brot ohne Salz nicht schmeckt, dass für ihn 14 Tage Urlaub am Stück undenkbar seien und Krankheit "nicht passieren darf".
Kim Eileen vom Hoff haben es unterdessen die vielen Dosen im Regal angetan. Kim ist 17. Mit Zahlen kann sie nicht viel anfangen, aber sie hat ein gutes Näschen. Während die flüssigen Fruchtzusätze "Mandarine" und "Williams Christ" bei ihr durchfallen, findet der Erdbeergeruch Zustimmung. Felix will nicht riechen. "Erdbeerig. Zu rot", sagt er und riecht dann doch. Mit der besonderen Weisheit seiner besonderen Gehirnwindungen erläutert er noch: "Für einen Frosch sind manche Dinge zu rot."
Petra Schulz ist glücklich mit dem Vormittag, mit der Abwechslung vom Alltag für die Jugendlichen und dem Reinriechen in das Handwerk. Sie wünscht sich, dass sich mehr Betriebe für die Jugendlichen öffnen würden. "Manche haben nur einen Förderabschluss und sind auf dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt nicht vermittelbar", erklärt sie. "Nicht alle sind ausbildungsfähig, aber alle sind arbeitsfähig." Anfangen können Betriebe mit einem Praktikum, dann mit einer Anstellung für einen Tag in der Woche, was je nach Belastbarkeit gesteigert wird.
Die Jugendlichen backen währenddessen Kekse, verzieren sie und bestreichen sie mit einem dicken Pinsel aus einem Eimer mit flüssiger Schokolade. Felix erteilt nebenher die nächste Abmahnung, diesmal an die Rampe in der Backstube und überprüft die Uhr über der Tür auf Pünktlichkeit. Nie rechthaberisch, nie ohne Lächeln. Die Uhr hat Glück, sie ist eine Funkuhr.
Harmonisch arbeitet das kleine Team zusammen. "Sie sind alle sozial verträglich und liebenswert", sagt Petra Schulz, "man muss sich nur darauf einlassen können." Das geht nur mit Offenheit und offenen Türen wie in der Bäckerei von Mario Fritzen. Es gibt nicht mehr viele Bäckereien, die wie er eine eigene Backstube mit nur einem Verkaufsladen haben. Meist rentiert sich das nicht mehr. Wer damit richtig Geld verdienen will, muss "alles minutiös durchplanen", sagt Fritzen. Jeder Arbeitsgang pro Brötchen hat dann eine vorgegebene Minuten- oder gar Sekundenzahl. "Würde ich aber so arbeiten, dann könnte ich so etwas hier nicht mehr machen", sagt Fritzen. Das geht allen Bäckern so und in anderen Branchen wird die Tendenz die gleiche sein. Es geht um Zeit, denn die ist bekanntlich Geld. Enge Spielräume, hoher Konkurrenzdruck, nicht selten der ständige Kampf ums Überleben. Da bleibt keine Zeit. Keine Zeit für Kinder, keine Zeit für Handicaps, keine Zeit für Engagement, keine Zeit, sich Zeit zu nehmen. Zeit für einen Beitrag zur Gesellschaft und einen Blick über den Tellerrand.
Mario Fritzen nimmt sie sich einfach, und er wird dafür bezahlt. Mit Begeisterung und Stolz seiner Gehilfen, als Felix endlich die fertigen Brote aus dem Ofen ziehen darf – dampfend, duftend und jedes einzigartig. Ein bisschen liegen sie da, wie als Gleichnis für den Umgang mit den Jugendlichen, die sie erschaffen haben. Es braucht wenige, aber wohldosierte Zutaten, es braucht Geduld, Zeit und Liebe. Soll es gelingen, muss es liegen und wachsen können. Was dann herauskommt, ist jedoch viel mehr als die Grundzutaten erahnen lassen. Umsonst zu bekommen ist es nicht, aber dafür macht es das Herz satt. Pappsatt.
Text: Karin Grunewald, Fotos: Mark Rosenfeld
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