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In Wuppertal-Ronsdorf entstand in nur zwei Jahren die sicherste und modernste Justizvollzugsanstalt für jugendliche Straftäter in Nordrhein-Westfalen. Wie fühlt man sich zwischen Kleinkriminellen und Schwerverbrechern? Redakteur Sebastian Last ließ sich einen Tag lang einsperren.

Ein Tag im Knast

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Gitterstäbe durchsieben die Morgensonne. Trotzig pflügen ihre Strahlen zwischen den stählernen Schranken hindurch, malen ein kariertes Bild aus Schatten an die Wand. Die Sonne ist die Einzige, die, vorbei am unnachgiebigen Spinnennetz vor meinem Fenster, Einlass in die Zelle findet. Haftraum vier in Abteilung C3 für jugendliche Strafgefangene der JVA Wuppertal-Ronsdorf – einer von insgesamt 454. Das Fenster ist groß, ich kann es öffnen, doch am Sims endet heute meine Welt. Manganhartstahl ist extrem widerstandsfähig. Keine Flex kommt da durch und abgesehen davon habe ich auch keine in der Hosentasche – es sind ohnehin nicht mehr meine eigenen Jeans. Niemand kommt hier alleine raus. Durch die engmaschige Feinvergitterung passen mit gutem Willen drei Finger. Die groben Stangen sind bereits zu eng, um den Kopf durchzustecken. So höre ich meine neuen Nachbarn lediglich: „Hey, Frischfleisch!?“ Das reicht schon. Aber hier drin bin ich ja sicher.


Zwei Stunden zuvor, 6.30 Uhr. Der Pförtner fordert Personalausweis und Handy ein, bevor er die Sicherheitsschleuse öffnet. Ein eingeschaltetes Mobiltelefon würde innerhalb der ganzen Anlage sofort den Alarm auslösen. In den Wänden wurden breitflächig Detektoren verbaut, die ein Funksignal punktgenau orten können. Jede JVA besitzt aus Sicherheitsgründen nur einen Ein- und Ausgang. Automatisch öffnet sich die erste Schleuse, dann die zweite, sobald das Schloss hinter mir wieder verriegelt ist. Andreas Ochmann holt mich ab. „Unchristliche Zeit“, stellen wir unisono fest. Ochmann ist Assistent der Anstaltsleitung um Rupert Koch und für alle organisatorischen Belange zuständig. Seit der offiziellen Übergabe der JVA Ronsdorf an das Land Nordrhein-Westfalen am 1. Juni 2011 hat er bereits etliche Menschen durch die 100.000 Quadratmeter große, modernste und sicherste Anstalt in NRW begleitet - Besucher und solche, die länger bleiben.
Unser gemeinsamer Weg ist kurz. Der unterirdische Gang für Bedienstete verläuft parallel zum Besuchertunnel und endet im Kammergebäude. Die Wände sind weiß und blank, der Fußboden schwarz gefliest. Die Mauer haben wir längst passiert. Mehr als fünf Meter hoch, abgerundet, damit Enterhaken keinen Halt finden und mit NATO-Draht gesichert. „Darin möchte ich nicht stecken“, sagt Ochmann, der während seiner Bundeswehrzeit Bekanntschaft mit dem dünnen, scharfkantigen Blechband machte. Als zusätzliche Absicherung patrouilliert rund um die Uhr ein Bediensteter in einem Kleinwagen entlang der Mauer, um Fluchtversuche unmittelbar zu unterbinden. Bisher gab es keine. Die ersten Gefangenen kamen im August. Mittlerweile sind es rund 250, alle männlich im Alter von 14 bis 24 Jahren. Der Knast ist halbvoll. Bis zum Frühjahr 2012 wird sich das ändern.
Die Kammer ist der Hauptverkehrspunkt, die zentrale Anlaufstelle. Hier wird das Material für die Inhaftierten ausgegeben, vom Klopapier bis zur Kappe. Als wir ankommen, belauern bereits zwei Neuankömmlinge das Geschehen vor ihrem Warteraum. Noch ein Neuer? „Vom notorischen Schwarzfahrer bis zum Mörder ist alles vertreten“, verrät Ochmann. „Hier kann es stressig werden“, ergänzt Christian Lauterbach, Justizvollzugs-Obersekretär und Kammerbediensteter. „Wenn ein Bus Gefangener aus Siegburg ankommt, blocken wir provisorisch den ganzen Tag.“ Jeder kommt zum Ckeck-in einzeln an die Reihe. Alle jugendlichen Straftäter der JVA Siegburg werden etappenweise nach Ronsdorf überstellt. „Die Crème de la Crème“, nach Ochmanns Dafürhalten. Siegburg wird komplett geräumt, da seit 1. Januar 2011 die Trennung von Jugend- und Erwachsenenvollzug in NRW gesetzlich vorgeschrieben ist. Das Einzugsgebiet der Anstalt reicht bis Bonn, Köln, Dortmund, Hagen, Wuppertal, Remscheid und Siegen. Sie ist eine von sechs Jugendgefängnissen des Landes.

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Vom notorischen Schwarzfahrer bis zum Mörder.
Jeder Neue bekommt eine Buchnummer zugewiesen, unter der alle persönlichen Daten hinterlegt werden: Straftat, Schuhgröße, Sonderkost. Mein Name wird zu einer Nummer. Ab jetzt bin ich weder Gast noch Reporter. Ich bin „Zugang“ - Nr. 213/11/8. Theoretisch. Praktisch läuft es persönlicher ab. Die Bediensteten tragen Namensschilder. „Man macht seine Arbeit dann noch gewissenhafter“, erläutert Ochmann diese Ronsdorfer Besonderheit.
Von persönlichem Besitz muss ich mich hingegen trennen. Alles, einschließlich meiner Unterhose, wird bis zur Entlassung eingesackt und versiegelt. Kammerleiter Klaus Höth beordert mich in den Duschraum. Er nimmt es genau: „Bei mir duscht jeder.“ Insbesondere in den kalten Monaten kämen viele Obdachlose, die riechen, rechtfertigt Höth. Sie spekulieren auf ein warmes Plätzchen, brechen im Winter mehrfach irgendwo ein und errechnen sich ihre Haftstrafe so, dass sie zum Sommer wieder raus sind. „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Ochmann muss dabei nicht einmal mehr schmunzeln.
Nackt und nass betrete ich den Ankleideraum, wo mir meine neue „Habe“ ausgehändigt wird. Höth schiebt zuerst das einheitliche Outfit für Inhaftierte in meiner Größe, dann zwei Kartoffelkisten voll Wäsche und Zeugs über den Ausgabetresen. Der graue Schlüpfer könnte von Opa sein, die dunkelblaue Hose kostet höchstens ein paar Euro. Die Farben sind so froh, wie man sich hier fühlt. Immerhin passe alles ganz gut, beruhigt man mich. Jeder bekommt das Gleiche, damit es keinen Anreiz zum Klauen gibt. So funktioniert Erziehung.

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Hans-Erich Maus-Jahnke übernimmt meine Aufsicht. Der Justizvollzugs-Amtsinspektor ist Wohngruppenverantwortlicher meiner zugewiesenen Abteilung und geleitet mich ans andere Ende der Anstalt. Die Orientierung fällt schwer, das gelte auch für neue Kollegen, gibt Maus-Jahnke zu. Das gesamte Gelände ist zehn Hektar groß. Der Bau besitzt zwei viergeschossige, kreuzförmige und parallel angeordnete Hafttrakte. 56.000 Quadratmeter brutto Geschossfläche (Wohnfläche). Permanent passieren wir Türen, jede muss einzeln aufgeschlossen werden. Von dieser Sorte gibt es hier 5.000 Stück. Immerhin sind, abgesehen von den Zelltüren, die meisten verglast (Panzerglas). Das macht den Eindruck, man wandere im Prinzip von Zelle zu Zelle, erträglicher. „Irgendwann habe ich angefangen, auch zu Hause die Türen abzuschließen“, erzählt Maus-Jahnke. „Nach zwei Monaten hat man die Abläufe hier verinnerlicht.“
Den Universalschlüssel sowie jenen für die Hafträume gilt es vorschriftsmäßig „am Mann und verdeckt zu tragen“. Zur Grundausstattung im Jugendvollzug gehören keine Waffen. Justizvollzugsbedienstete werden in Eingriff- und Sicherheitstechnik ausgebildet. Für Notfälle gibt es dennoch Schusswaffen. Ihr Aufenthaltsort ist streng geheim. Bei Gefahr kann über die Personen-Notfall-Anlage (PNA), die aussieht wie ein schnurloses Telefon, Meldung gemacht und Alarm ausgelöst werden. Die PNA reagiert auch automatisch, sobald ihr Träger in Horizontallage gerät, etwa bei einem Niederschlag. Auch ein Mittagsschläfchen ist damit unmöglich. Eine PNA hat jeder.
Von 22 Uhr bis sechs Uhr ist Nachtschicht angesagt, rund dreimal im Jahr für jeweils eine Woche. „Wenn Sie gemütlich beim Grillen sitzen, fahre ich zur Arbeit“, stellt Maus-Jahnke klar. Soziale Kontakte, Familien- und Vereinsleben werden weniger. Abfällig als „Schließer“ möchte er schon deshalb nicht bezeichnet werden. „Das hier ist nicht nur ein Job, sondern ein Beruf, der Opferbereitschaft fordert, zumal wir nicht mit Personal gesegnet sind.“ 194 Bedienstete schieben in drei Schichten Dienst. Mit den Werk-, Verwaltungs- und den besonderen Fachdiensten kommen noch einmal rund 30 Lehrer, Sozialarbeiter, Pädagogen, Psychologen und Seelsorger hinzu. Auf zwei Gefangene kommt ungefähr ein Bediensteter. „Jugendvollzug ist personalintensiver“, sagt Maus-Jahnke. „Bei denen kann ich noch etwas erreichen.“ Die Wiedereingliederung in die soziale Gemeinschaft ist das oberste Ziel.
Mit 26 Berufsjahren besitzt Maus-Jahnke mit Abstand die meiste Erfahrung in Ronsdorf. Abgeordnet von der JVA Iserlohn, zählt er zum sogenannten Aufbauteam. „Ich möchte meinen Enkeln mit Stolz davon erzählen können.“ Viele seiner Kollegen sind um einiges jünger, ein Drittel sind Frauen. Der Altersdurchschnitt ist der niedrigste in ganz NRW. „Das kann zu Machtkämpfchen mit nahezu gleichaltrigen Gefangenen führen“, so Maus-Jahnke. Man muss psychisch stark sein, um hier zu arbeiten. Einen 56-jährigen Haudegen schockt jedoch nichts mehr: „Ich war mit der Bundeswehr im Kosovo und in Srebrenica. Dann merkt man erst, wie gut es uns hier geht.“
Verglaste, von Stelzen getragene Verbindungsgänge führen zu Gebäude C 3. Dieser Laufsteg kommt einem Schaukasten gleich. Abgesehen von den insgesamt 272 Überwachsungskameras, bin ich mir nun auch der Aufmerksamkeit der beidseitig hochragenden Hafträume und ihrer neugierigen Augenpaare sicher. Andererseits streift mich der Gedanke an einen Zoobesuch. Vorsicht bissig, bitte nicht streicheln!

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„Gute Haftzeit!“ 8.15 Uhr zieht der Wohngruppenleiter meine Zellentür zu. Da bin ich, im Mikrokosmos der JVA. Zehn Quadratmeter, um genau zu sein. Seit dem Foltermord in der JVA Siegburg sind Einzelhafträume vorgeschrieben. Verhältnismäßig wenige Doppelzellen gibt es.
Ein bisschen komme ich mir vor wie im Hotelurlaub, mit meinen zwei Kisten Gepäck und dem Wunsch nach Erholung im Anschluss an eine aufregende Anreise. Nur hängt das „Bitte nicht stören“ -Schild hier nicht außen am Türknopf, sondern aufgrund der Vorgeschichte der hiesigen „Gäste“ quasi imaginär auf der Innenseite. Das Bett meiner 0-Sterne-Bleibe hängt fest an der Wand. Die Schaumstoffmatratze lässt sich mit zwei Fingern zusammendrücken. Der Kopfkeil ist, entgegen meinem gewohnten Schlafkomfort, recht flach. Waschbecken und „Bello“ sind hinter einer Zwischenwand. In den jeweiligen Wohnblocks befinden sich mehrere Einzelduschen. Tisch und Schrank sind aus Trespa, einem extrem harten Kunststoff-Holzgemisch, das speziell für diese JVA gefertigt wurde, und mit der Wand verschraubt ist. Zumindest für mich gilt: Ein Druck auf den Rufschalter neben der Tür und der Zimmerservice bringt mich umgehend raus. Die Anderen wohnen im Schnitt zwölf bis 14 Monate hier.
Ich packe aus. Je drei Sätze blaugrüne T-Shirts, graue Polos und Unterwäsche, dazu zwei Pullover, Jogginghose, Arbeits- und Schlafanzug, Handtücher, eine Cappie. Ob die aus modischen Gesichtspunkten dabei ist? Man trägt sie jedenfalls auch hinter Gittern verkehrt herum. Ein bisschen Coolness muss sein. Die extravaganten Badeschlappen im schwarz-rot-goldenen „Germany“ -Stil sind mein buntester Besitz. Dafür sind die Hausschuhe made in Frankreich und ausdrücklich nur im Wohnbereich zu tragen, sonst setzt es Rügen. Sport- und zwei Paar klotzige Arbeitsschuhe ergänzen das Sortiment. Von der Kammer bekommt jeder Gefangene außerdem Zahnputz- und Rasierutensilien, ein Geschirr-Set mit Plastikspülbecken, Bürste und Schwamm zugeteilt - Ordnung ist Pflicht, denn gegessen wird immer auf der Zelle. Radio und Aschenbecher repräsentieren den Freizeitfaktor. Das Rauchen ist ausschließlich im Haftraum oder auf einem der 16 Freistundenhöfe erlaubt und praktisch jeder nutzt es aus. So, fertig. Und nun?
Auch im Knast gilt die Schulpflicht. Vormittags, nach dem Frühstück (Weckzeit sechs Uhr) sind deshalb die meisten Häftlinge im Unterricht oder in einer der 18 Werkhallen bei der Arbeit. Nur die besonders Gefährlichen dürfen zum Schutz der Anderen nicht. Keine Abwechslung für sie. Der durchschnittliche Inhaftierte ist zwischen 19 und 20 Jahre alt und fast immer ohne Schul- oder Ausbildungsabschluss. Beides kann im Knast nachgeholt werden: Haupt- und Realschulabschluss sind wiederum Voraussetzung, um sich für einen der 190 Ausbildungsplätze zu bewerben. Das Analphabetentum ist stark ausgeprägt, was nicht nur am hohen Ausländeranteil liegt: 25 Prozent in der Strafhaft, 45 Prozent in der Untersuchungshaft. Statistisch nicht als Ausländer gezählt werden zum Beispiel Russlanddeutsche. Wer sich anstrengt, kann eine Ausbildung zum Maler, Lackierer, Lagerist, Objektbeschichter, Gebäudereiniger, Tischler, Industrieelektriker, Zerspanungsmechaniker, Maschinen- und Anlagenführer schaffen. „Viele sind allerdings zu kurz bei uns, um eine Ausbildung vollständig abzuschließen“, erklärt Andreas Ochmann, als er mich kurz besucht. Die Ausbildungszeit wurde auf zwei Jahre verkürzt, schließlich hätten die Gefangenen mehr Unterricht, mehr Zeit zum Lernen und keinen Jahresurlaub. „Wir knüpfen auch Kontakte nach draußen, um sie nach der Entlassung unterzubringen“, so Ochmann weiter. Das Kolpingwerk Wuppertal ist federführend bei der Ausbildung in der JVA.
Niemand arbeitet umsonst. Das Erlernen des Umgangs mit Geld spielt auch hinter Gittern eine Rolle. Auf die Defizite der Jugendlichen angepasst, werden gezielt Förderungs- und Erziehungsmaßnahmen wie Schuldnerberatung, oder Antiaggressionstraining angeboten. Der Tageslohn eines Häftlings beträgt zwischen zehn und elf Euro. Es gibt fünf Lohnstufen, zum Beispiel den Kammerhelfer, den Kammerarbeiter und denjenigen, der bereits eigenverantwortlich tätig sein darf. Für gute Arbeit können die Bediensteten optional bis zu 15 Prozent pro Lohnstufe zuschießen. „Wir wollen Anreize schaffen, sich vernünftig zu benehmen, ohne die Jugendlichen dazu zu zwingen“, lautet die Devise von Anstaltsleiter Rupert Koch. Vollzugslockerungen sollen auf die Entlassung vorbereiten. Vier Siebtel des Lohns fließen automatisch auf das Überbrückungsgeldkonto, das für die ersten Monate in Freiheit gedacht und nicht pfändbar ist. Der Rest steht als Haushaltsgeld zur Verfügung - etwa 120 Euro im Monat. Unterkunft, Kost und Logis sind frei.
„Wenn von meinem Hausgeld noch was übrig bleibt, mach ich ne Packung Tabak klar!“ - „Ich kaufe drei Packungen, aber zwei davon sind Schulden.“ - „Wenn ein Eistee 69 Cent kostet, dann kosten acht 4,50 Euro, oder?“ Der Einkauf, zweimal monatlich, beherrscht die Gesprächsthemen der Jugendlichen. Das Fenster ist ihre Tür zum Zellennachbar, stelle ich fest. Jede Form der Kommunikation läuft über das Fenster ab. Sehen können sich die Häftlinge nicht. Das sogenannte „Pendeln“ von Ware mit Hilfe einer Schnur ist durch die Feinvergitterung erheblich erschwert. „Hunger! Was gibt´s zu essen?“ - „Ei-Omlett mit Möhren-Scheiße.“ Persönlichen Kontakt haben die Gefangenen während der täglichen gesetzlichen Freistunde und zur Aufschlusszeit ab 17 Uhr. Dann können sie rund drei Stunden in Gemeinschaftsräumen zum Beispiel Kickern oder Kochen. Immer unter Aufsicht. Alle „öffentlichen“ Räume wurden baulich so angelegt, dass sie stets einzusehen sind. Für mich, als enttarnten Reporter, ist es dennoch zu gefährlich.

1.2 km Mauer, 272 Kameras, 5.000 verriegelte Türen.

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Früher als erwartet steht das Mittagessen vor der Tür. „Es ist ein ganz anderes Gefühl, wenn man ein Jahr drin ist“, begrüßt mich der junge Mann mit dem Tablett in den Händen ohne Umschweife, als habe er nur diesen einen Satz zusagen. Er wirkt sympathisch, seine Cappie sitzt natürlich mit dem Schild nach hinten auf dem Kopf. Die Zelle darf er nicht betreten. Es stimmt, auf dem Speiseplan steht heute Omlett mit Gemüse. Lecker und üppig – kein Fast Food, keine „Möhren-Scheiße“. „Gefangene sind erfahrungsgemäß sehr wählerisch. Die denken bei warmem Essen an Döner“, sagt Maus-Jahnke. Sie können zwischen fünf Kostformen wählen: normal, fleischlos, muslimisch, Diabetiker- oder Sonderkost. Täglich prüft der Inspektor vom Dienst Geschmack und Ausgewogenheit der Mahlzeiten. Es gelten die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. „Gesünder als hier können sie sich nicht ernähren“, bestätigt Anstaltsleiter Koch.
Nach Mittag falle ich in ein Loch. Ich habe abgespült, es gibt nichts mehr zu tun. Zum Schlafen bin ich zu wach. Komisches Gefühl, ohne genaue Uhrzeit einfach nur zu warten, dass etwas geschieht. Gefangene können einen Fernseher für ihre Zelle leasen (ca. neun Euro/Monat). Es ist verboten, Bilder an die Wände zu kleben. Poster und Fotos müssen auf herabhängende Stofflaken geheftet werden. Mein Laken bleibt leer – eine schwarze Leinwand zum Anstarren, auf der der Film aber nie anfängt. Der Fußboden ist übrigens mausgrau und durchsetzt mit tausend weißen und schwarzen Sprenkeln. 24 Löcher hoch und 22 Löcher tief misst das Metallregal über dem Tisch. Ständig durch die engmaschigen Gitter nach draußen zu stieren, strengt die Augen unglaublich an. Unwillkürlich fixiert mein Blick immer wieder die Stangen. Vielleicht nur Gewöhnungssache … Michael Jackson ist auch hier. Er singt beim Nachbarn „Black or White“. Meint er etwa die Sprenkel auf dem Boden? Egal. Im Radio drücke ich ihn jedenfalls immer weg. Ob sein ehemaliger Leibarzt im Knast demnächst wohl auch Jacksons Songs hören wird? Mein Selbstversuch schlägt langsam aufs Gemüt. Irgendwann schleicht sich der Zeitpunkt heran, an dem ich es nicht mehr als Abenteuer betrachte. Dieses Realitätsszenario dauert mir schon jetzt zu lange - nach gerade mal acht Stunden. Die Gegenwart der Anderen ist unüberhörbar, da die Unterhaltung vom Erdgeschoss unten rechts zur dritten Etage oben links eben nur brüllend oder etappenweise per stiller, beziehungsweise lauter, Post funktioniert. Das Echo im Hof besorgt den Rest. In vielen Stimmen schwingt Gewaltbereitschaft mit. Sie rufen nach mir. „Journalist!“ kann manchmal wie eine Nazi-Parole klingen. Ich schweige zurück. Manche Gespräche muten dagegen fast unschuldig kindlich an. Trotzdem, dem Gefühl permanent angepöbelt zu werden kann ich beim besten Willen nicht entkommen. Entspannung unmöglich. „Sie leben die Straße hier aus. Man muss sich auf ihr Level begeben, um sie zu erreichen und vernünftige Umgangsformen zu vermitteln“, erklärt Maus-Jahnke. Nur gut, dass ich mich nicht in diese Gesellschaft integrieren muss.
Ausgerechnet heute findet eine groß angelegte Verlegungsaktion statt, bekomme ich via „Windows“ mit, begleitet von Protesten, die auf taube Ohren stoßen: „Hier sollen alle hin, die Theater gemacht haben!“ Diejenigen, die Prügeleien anzetteln oder Bedienstete beleidigen. Das trifft nicht unbedingt auf Schwerverbrecher und Mörder zu. „Das sind oft die Ruhigsten, weil sie hafterfahren sind und sich den Alltag nicht versauen wollen“, weiß Maus-Jahnke. „Zunächst muss man jeden als Mensch betrachten. Das ist für mich als Familienvater manchmal problematisch, vor allem bei Sexualstraftätern. Das muss ich aber ausblenden.“ Schlimmstenfalls droht die Verlegung in einen „besonders gesicherten Haftraum“ (bgH), von denen zwar fünf in der JVA existieren, die jedoch äußerst selten genutzt werden müssen. „Da muss schon einer permanent mit dem Kopf gegen die Wand rennen“, beschwichtigt Maus-Jahnke. Im bgH liegt man auf dem Boden fixiert unter ständiger Beobachtung. Der BGH dient dem Selbstschutz statt der Sanktionierung.
Die Aufschlusszeit beginnt. Die Sportgruppen werden aktiv. Von den Gegebenheiten im Ronsdorfer Knast träumt jede Schule: ein riesiger, von Masten und Drahtseilen vor Befreiungsversuchen per Hubschrauber abgesicherter Kunstrasenplatz, Kleinfelder für Beachvolleyball, Fußball und Basketball, eine Mehrzwecksporthalle, eine Tartanbahn und ein Joggingpfad. „Sport ist ein super Bonbon zur Belohnung und zur Sanktionierung“, sagt Blazej Panicz. Panicz bezeichnet sich als „Polizei der Anstalt“. Täglich kontrolliert er Hafträume, sucht Schmuggelware und Waffen. Drei- bis viermal im Jahr rückt der „Dienst für Sicherheit und Ordnung“ mit Spürhunden an. „Ich bin für die Inhaftierten unnahbarer als meine Kollegen“, so Panicz. „Das Schlimmste ist Routine und Betriebsblindheit. Ich muss mir immer vor Augen halten, warum ich hier bin.“ Es gilt, Abläufe zu optimieren. So werden die Gefangenen mittlerweile in kleinen Gruppen zum Schulunterricht geführt, statt alle gleichzeitig.
Die Sicherheitskontrollen sind hoch. Post wird vor der Ausgabe geöffnet, Besucher müssen alle Mitbringsel genehmigen lassen. Gerade zu Weihnachten ein hoher organisatorischer Aufwand. Sogar Babys müssen vor Einlass im Beisein eines Bediensteten mit Windeln der Anstalt frisch gewickelt werden. Langzeitbesuchsräume stehen lediglich Verlobten und Verheirateten zur Verfügung. Termine gibt es nach Genehmigung. „Die beste Sicherheitsmaßnahme ist jedoch ein gesunder sozialer Kontakt zu den Gefangenen“, sagt Ochmann. Er spricht sich klar gegen den amerikanischen Verwahrungsvollzug aus. „Ein Bediensteter, dem die Inhaftierten vertrauen, bekommt eher Tipps zugesteckt, wer sich nicht ganz grün ist.“
Das Abendbrot kommt. Weißbrot mit Wurst. Schmeckt schon eher nach Gefängnis, doch meine Entlassung rückt nach zwölf Stunden näher. Ich sitze auf gepackten Kisten. Aufbruchstimmung. Bedrücktheit und Anspannung weichen langsam. Als Maus-Jahnke mit mir Feierabend macht, muss ich ihm recht geben: „Ich habe gelernt die Weite zu schätzen.“

Text: Sebastian Last, Fotos: Paul Kalkbrenner


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