Heavy Metal trifft Bouzouki

Zugegeben, bei Songs über Heimweh und Einsamkeit denkt man nicht direkt an harte Gitarrenriffs und schnelle Bassläufe. Heavy Metal eben. Außer man kennt Tri State Corner (TSC) - eine „Brut“ des Burscheider Jugendzentrums Megaphon. Der Name (übersetzt: Dreiländereck) spielt auf die Nationalitäten der Bandmitglieder an: Vassilios „Lucky“, 37, und Ioannis „Janni“ Maniatopoulos, 41, sowie Christos Efthimiadis, 46, haben griechische Wurzeln. Christoph Tkocz, 33, ist in Polen geboren, Markus Berger, 29, in Deutschland. Dass die Fünf mit ihrem Stil etwas völlig Neues entwickelt haben, hat inzwischen auch die Musikindustrie wahrgenommen: Das neue Album „Historia“ wird von zwei Platinproduzenten gemastert - Bouzouki-Rock aus dem Bergischen erobert die Welt.
Die Bouzouki ist eigentlich ein traditionelles griechisches Lauteninstrument und das Aushängeschild der byzantinischen Musik. Sie gedanklich mit Metal zu verbinden, fällt, zugegeben, erstmal etwas schwer. Das müsste doch auf Kosten der Härte der Musik gehen – meint man. Und liegt doch völlig daneben. Komplett in Schwarz betritt die Band die Bühne, das Schlagzeug legt los und augenblicklich - so, wie es sich für Metal nun mal gehört - fliegen die Haare. Christophs Dreadlocks geben den Takt vor, das Publikum wogt mit. Dann setzt die Bouzouki ein und was im ersten Moment etwas fremd klingt, wird schnell zum integralen Bestandteil der Musik. Die Bouzouki drückt den Songs ihren Stempel auf, verlangt danach genauer hinzuhören, ohne jedoch aufdringlich zu wirken und das zu verfälschen, was die Musik von TSC ist: Metal zum Headbangen. Mitschnipsen und mit dem Fuß wippen war gestern. Und während Jannis‘ Bandkollegen um ihn herum auf der Bühne explodieren, steht der Bouzouki-Spieler ruhig und konzentriert da. Nur seine Finger rasen in unfassbarer Geschwindigkeit über die Seiten.

„Janni und ich sind mit Musik aufgewachsen. Unser Vater Georgios war Folkloresänger“, erzählt Sänger Lucky. Während sein Bruder bereits mit 13 Jahren begann, Bouzouki zu spielen, verschrieb sich Lucky der Rockmusik, war ein großer Fan der deutschen Power-Metal-Band Rage aus Herne: „Mein Zimmer war mit Postern ihres Schlagzeugers Christos tapeziert.“ Was folgt, klingt wie der Traum eines jeden Teenies. 1989 feiert der 15-jährige Lucky mit Freunden in die Disco „Spektrum“ in Castrop-Rauxel und sieht dort sein Idol Christos an der Theke. Er fragt nicht nach einem Autogramm. Er fragt nach Schlagzeugunterricht. Eine enge Freundschaft entwickelt sich. Der erfahrene Musiker nimmt Lucky als Schlagzeugtechniker mit auf Konzerte und Tourneen. Lucky lernt Bands wie Halloween und Saxon kennen, sitzt mit Größen der Szene wie Lemmy Kilmister von Motörhead an einem Tisch. „Ich habe in zwei Welten gelebt. Auf der einen Seite lernte ich alle Rockstars der 80er kennen, auf der anderen Seite habe ich die Ausbildung als KFZ-Mechaniker und mein Studium zum Wirtschaftsingenieur durchgezogen.“
Nach dem Studium arbeiten die Brüder Janni und Lucky bei Johnson Controls in Burscheid, einem Marktführer für die Innenausstattung von Fahrzeugen. Im Tonstudio des Megaphons nehmen sie CDs mit Coverliedern auf, die als Werbegeschenke auf den Firmenmessen verteilt werden. Bei den Aufnahmen lernen sie Gitarrist Christoph kennen, der dort eine Ausbildung zum Studiodesigner macht und auch die Aufnahmen anderer Bands betreut. „2004 hatten Janni und ich die Idee, seinen traditionellen Bouzouki-Kram mit meiner Rockmusik zu verheiraten.“ Christos trommelte da noch bei der deutschen Rockband Sub7even. Weil Lucky aber singen wollte, fehlte ein Schlagzeuger. „Ich habe mich aber kaum getraut Christos zu fragen, ob er mitmachen will und habe nur rumgestammelt. Aber er meinte: ‚Laber nicht, ich bin dabei’“, erzählt Lucky. Durch seine Arbeit im Tonstudio kannte Christoph Bassist Markus. Er wurde ebenfalls ins Boot geholt und mit ihm fand die Band einen musikalischen Leistungsträger und eine echte Koryphäe am Bass.

„Jede Idee, vom ersten Poster bis zum aktuellen Album, entstand im Jugendzentrum. Wir sind eine Brut des Megaphons“, sagt Lucky. „Historia“ erzählt die Geschichte einer Migration. Vom eisernen Willen, die Fremde und Einsamkeit zu ertragen, um der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Protagonisten sind die eigenen Väter. „Zwei Jahre lang habe ich mit meinem und Christophs Vater immer wieder über ihre Migration gesprochen“, so Lucky. „Daraus ist ein Konzeptalbum entstanden, das zornige und wütende Stücke enthält, im Grunde aber sehr melancholisch ist.“ Es transportiert die Kraft, die beide Väter aus ihrem christlichen Glauben zogen, aber auch ihre Wut und Verzweiflung.
Christophs Vater Andrzej ist Pole und war 1974 und 1979 Weltmeister in dem Motorradrennsport Speedway. Er genoss alle Annehmlichkeiten eines Stars, bewohnte ein großes Anwesen, aber verweigerte sich dem kommunistischen Regime Polens. Seine Popularität wurde ihm zum Verhängnis. Man verbot ihm seinen Sport auszuüben, nahm ihm Geld und Pass, steckte ihn mitsamt seiner Familie in einen Plattenbau. 1983 kehrte er Polen frustriert den Rücken. Von einem Besuch bei seinem Bruder im bergischen Burscheid kam er nie wieder zurück. Ein Jahr später holte er seine Familie nach. „Vier Stücke unseres Albums sind seiner Geschichte gewidmet,“ sagt Lucky. Sie geben die ganze Fassungslosigkeit wieder, die Andrzej in seiner Machtlosigkeit gegenüber dem politischen Regime empfand.
In weiteren vier Stücken behandelt Lucky die Geschichte seines Vaters Georgios. Georgios lebte im griechischen Messenien. 1956 richtete ein Erdbeben dort verheerende Schäden an und zerstörte das Haus der Familie. Ein Zelt diente Georgios, seinen Eltern und seinen beiden Brüdern als Behausung. Es gab tagelang nichts zu essen. „Sie sind mit Körbeflechten und Schuheputzen irgendwie über die Runden gekommen. Mein Onkel war zudem schwerbehindert und brauchte teure Medikamente,“ sagt Lucky. So beschloss Georgios einige Jahre in Deutschland zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen.
„Wie muss das gewesen sein? Du kommst alleine hierher, fängst in irgendeiner Fabrik an, verstehst kein Wort. Was geht da im Kopf vor,“ fragt sich der TSC-Sänger. Die Fremde wurde erst zur Heimat, als der Vater seiner großen Liebe, Luckys Mutter Christina, die im Kindesalter von Griechenland nach Deutschland ausgewandert war, begegnet. Georgios wurde Teil ihrer Familie: „I‘m far from home but I know I‘m not alone, final sudden turn.“ Eigentlich sollte es Georgios letzter Abend in Deutschland sein. „Mein Vater hatte seine Wohnung schon aufgelöst, die Fahrkarte nach Griechenland in der Tasche. Bei der Abschiedsfeier in einem Club begenete er unserer Mutter. Am nächsten Morgen stand er allein und mit gepackten Sachen am Bahnhof. Doch als der Zug eintraf, entschied er sich bei ihr zu bleiben,“ erzählt Lucky. Die Songs, die von dieser märchenhaften Begegnung erzählen, sind die wohl persönlichsten des Albums. „Historia“ - gewidmet all denen, die der Aufbruch in die Fremde und die Suche nach einer neuen Heimat verbindet.

Produziert wurde das Album von Fabio Trentini, der Alben der Guano Apes und Subway to Sally produzierte. Coproduzent ist Tony Bongiovi, ein Cousin von Jon Bon Jovi, der bereits mit Ozzy Osbourne und Michael Jackson zusammenarbeitete. „Ich habe Tony auf gut Glück unser Album geschickt. Als er mich tatsächlich anrief, habe ich aufgelegt, weil ich dachte, mich will jemand verarschen,“ schildert Lucky. Wie man es als Band aus Burscheid schafft, an solche Leute heranzukommen? „Man muss hartnäckig sein. Ich habe eineinhalb Jahre an der Tür von Sony gekratzt, bis wir es in ihren Vertrieb geschafft haben. Jedes Nein bringt dich dem nächsten Ja ein Stück näher. Unsere Devise: 50 Neins sind ein Ja!“
Diese Taktik zeigt Erfolg, auch wenn die Bandmitglieder nicht ausschließlich von ihrer Musik leben können und als Wirtschaftsingenieure, Studiodesigner und Medientechniker arbeiten. TSC war Vorband von Revolverheld, J.B.O. und Krypteria. Im Rahmen der Musikmesse Popkomm spielten sie in Moskau, als Supportband von Nazareth tourten die Jungs durch Polen. „Auch unsere Crew ist mittlerweile auf Weltklasseniveau“, betont Lucky. „Unser Gitarrentechniker Kirsten Schuck arbeitet beispielsweise auch für die Foo Fighters, Pink und Motörhead. Für unsere Shows sagt die Crew aber alles andere ab. Sie investieren genauso viel Energie und Zeit in TSC wie die Bandmitglieder.“
Auch dank dieses Einsatzes ist sich Lucky sicher, dass Tri State Corner noch viel erreichen wird. Ob man sie dann immer noch live in Burscheider sehen kann? „Natürlich! Jede Release Party zu einem neuen Album findet im Megaphon statt!“
Text: Fenja Jansen, Fotos: Paul Kalkbrenner


